Designers’ Circle: Kunst als Werkzeug gesellschaftlicher Aushandlung

Das Amt für Ideen am Maffeiplatz, das zum Projekt Quartier der Ideen gehört, bot einen passenden Rahmen für den Vortrag von Anna Ulmer. In der Nürnberger Südstadt, die von sozialer Vielfalt und urbanen Herausforderungen geprägt ist, wurde schnell klar, wie relevant das Thema ist. Wem gehört die Stadt – und wer wird in ihr sichtbar?

Anna arbeitet an der Schnittstelle von Gestaltung, Nachbarschaft und sozialer Praxis. Ihre Projekte entstehen nicht am Reißbrett, sondern aus konkreten Situationen heraus. Gestaltung ist dabei oft nur ein Teil eines längeren Prozesses. Im Mittelpunkt steht der öffentliche Raum, den sie als umkämpft beschreibt. Das Bild eines offenen Ortes für Begegnung gerät zunehmend unter Druck – durch Privatisierung, Kontrolle und Design des öffentlichen Raumes, das bestimmte Nutzungen einschränken soll.

Ein Beispiel ist das Projekt am Hamburger Hansaplatz. Ein konfliktbehafteter Ort und Treffpunkt von sogenannten Randgruppen. Und ein Ort, an dem immer mehr versucht wird, Kontrolle auszuüben und nicht erwünschte Nutzungen zu verhindern. So wird der Platz von Kameras überwacht, die biometrische Daten erfassen und mit KI auswerten. Mülleimer wurden mit speziellen Deckeln ausgestattet, die es Menschen erschweren, Flaschen zu sammeln und bei Pollern wurden mit den, von Anwohner:innen bezeichneten, „PoKugeln“ Metallkugeln aufgeschraubt, damit man sie nicht als Sitzgelegenheit nutzen kann. Defensive Stadtgestaltung by design eben. Anna entwickelte dort gemeinsam mit Anwohner:innen temporäre Sitzmöbel, die bei Aktionen auf den Platz getragen wurden. Diese Eingriffe sollten den Ort nicht dauerhaft verändern, sondern aufzeigen, was fehlt: Orte zum Verweilen, zum Austausch und zum Miteinander – oder auch einfach zum Nebeneinander.

Auch im Projekt mit dem Werkhaus Münzviertel geht es um Sichtbarkeit. Ein mobiler Kiosk diente als offenes Werkzeug, mit dem junge wohnungslose Menschen eigene Inhalte in den Stadtraum tragen konnten. Entscheidend war weniger das Objekt als die Möglichkeit, sich zu zeigen – zu eigenen Bedingungen.

Anna Ulmer versteht Design nicht als alleinige Lösung für komplexe soziale Probleme. „Social Design ist für mich kein Heilsbringer in der Not.“ Es geht vielmehr darum, Räume zu öffnen, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und verhandelt werden können. Für die Designausbildung ist dies ein wichtiger Impuls: Gestaltung nicht nur als Ergebnis, sondern als Prozess zu sehen, der Verantwortung mit sich bringt – und der immer auch die Frage aufwirft, auf wessen Seite man arbeitet.

Und wer Ideen hat, wie die Stadt gestaltet sein könnte, kann das Programm des Quartiers der Ideen am Maffeiplatz noch bis Ende Juni nutzen. Danach zieht das Amt für Ideen an einen anderen Ort in der Nürnberger Südstadt!

Text & Fotos: Sebastian Freudenberger

17. Juni 2026