Katharina Meyer im Interview: Eine Auszeichnung für ihre Bachelorarbeit „Cold Fever“

Mit ihrer Bachelorarbeit „Cold Fever“ geht es Katharina Meyer um mehr als eine Abschlussarbeit. Es ist ihr Beitrag zur Erhaltung unseres Planeten, der durch den Klimawandel in Gefahr ist. Auf mehreren Expeditionen fotografierte sie beeindruckende Tiere und atemberaubende Landschaften, die stark bedroht sind. So entstand ein Fotobuch, das vor kurzem mit einem der renommiertesten Fotopreise Deutschlands ausgezeichnet wurde: Silber beim Deutschen Fotobuchpreis. Wir gratulieren ihr herzlich und nutzten die Gelegenheit für ein ausführliches Interview.

 

Preis und Projekt

– Hallo Katharina. Eine Frage vorweg: Wie verlief die Preisverleihung?

Dafür, dass es einer der renommiertesten Preise ist, sehr unspektakulär (lacht). Dennoch bin ich überglücklich.

– Das kann ich gut verstehen. Wie entstand die Idee zu deinem Fotobuch-Projekt?

Die Idee entstand während meines Praktikums bei dem schwedischen Naturfotografen Staffan Widstrand, der mich auf eine Expedition auf die arktische Insel Spitzbergen mitgenommen hat, um die atemberaubende Landschaft zu fotografieren, aber auch um die Spuren des Klimawandels zu dokumentieren. Die sind hier besonders deutlich. Ein Beispiel: das schmelzende Eis.

Auf Spitzbergen gibt es nur Berge, Gletscher und Schnee. Wir waren mit einem kleinen Schiff unterwegs und sind in die Nähe von Gletschern gekommen. Plötzlich brach ein riesiges Stück Eis ab. Das ist an sich ein normaler Vorgang, der sich Kalben nennt. Als dann aber noch ein großes Stück abbrach und der Kapitän meinte, dass das die letzten Jahre immer häufiger passiert und nun deutlich mehr Eis abbricht, da wurde mir das erste Mal so richtig bewusst, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Es ist ja nicht nur ein bisschen Eis, sondern wahnsinnig viel. Und zusammen mit dem sehr lauten Knacken und den hohen Wellen war das so etwas wie ein Schlüsselmoment für mich. Und da dachte ich, dass das mehr Menschen mitbekommen sollten. Also bin ich nochmal in die Arktis und habe meine Untersuchungen im Rahmen meiner Bachelorarbeit ausgedehnt.

 

– Und für diese neue Expedition, welche Route hast du da gewählt?

Mein erster und mit der wichtigste Punkt der Reise brachte mich in den Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark in Norwegen. Um dort die Moschusochsen zu fotografieren. Danach ging es an Fjorden entlang die norwegische Küste hoch. Über die Lofoten und weitere kleinen Inseln führte mich der Weg bis an das Nordkap: den nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Von dort aus ging es dann wieder über Nord-Finnland und Nord-Schweden gen Süden. Insgesamt war ich etwas länger als einen Monat unterwegs.

Mit Kickstarter finanziert

– Du hast die Expedition über ein Kickstarter-Projekt finanziert. Weshalb?

Aus zwei Gründen: Zum einen ist es ein riesiges Projekt, das viel Geld kostet. Es ist ein sehr großer Zeitaufwand, der mit sehr hohen Kosten verbunden ist. Das alles allein zu stemmen, ist etwas schwierig. Zweitens habe ich durch die Kampagne viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Es haben viel mehr Leute von meinem Projekt erfahren, als ich erwartet hatte, sodass ich schließlich eine größere Auflage meines Buches drucken konnte.

 

 

– Also nicht nur die Reise wurde über Kickstarter finanziert, sondern auch das Fotobuch?

Genau. Ich konnte neben dem Buch für die Bachelorarbeit insgesamt 100 Expemplare drucken. Mit der höheren Auflage wuchsen aber auch die Erwartungen an mein Projekt, was mich natürlich auch unter Druck gesetzt hat. Bei Kickstarter ist es zudem Pflicht, dass das Finanzierungsziel erreicht wird. Wenn man vor Ablauf der Frist das gewünschte Geld nicht zusammenbekommt, muss man alles wieder zurückgeben und sein Projekt aufgeben. Daher habe ich ein Paar Anreize gegeben, um das Ziel leichter zu erreichen.

– Was waren das für Anreize?

Zum einen gab es ein exklusives Tagebuch in Form eines Reisejournals mit handschriftlichen Notizen und nützlichem Hintergrundwissen. Ich habe während der Expedition sehr viel aufgeschrieben, um all die vielen Eindrücke nicht zu vergessen. Zum anderen gab es eine Option bei der Expedition selbst teilzunehmen. Eine meiner Begleitungen hat von dieser Option Gebrauch gemacht und ist mitgefahren.

Unterstützung durch einen Kamerahersteller und allerlei Ausrüstung

– Du wurdest aber auch von Nikon unterstützt?

Ja genau. Ich hatte schon vor einem Jahr Kontakt mit Nikon, die sich für das Projekt interessiert haben. Mittlerweile bin ich auch Nikon Junior Ambassador, also eine Art „Botschafter“ und bekomme das gesamte Fotoausrüstung von Nikon gestellt, die ich für solche Reisen benötige. Als Gegenleistung mache ich Bilder und berichte in Interviews über meine Erfahrungen mit der Expedition und dem Equipment. Das war dann auch für die Bachelorarbeit sehr hilfreich. Aber selbst nach der Bachelorarbeit werde ich weiterhin von Nikon unterstützt.

– Was war das denn für Equipment?

Ich hatte eine Vollformatkamera und eine Kamera mit Kleinformat. Durch Vollformat-Objektive entsteht der Cropfaktor (D850 und D500). Die Objektive reichten von 24 bis 500 mm. An der Cropkamera konnte ich mit einem 1,4x Telekonverter auf 1050 mm zurückgreifen. Meine Bilder entstehen eher im Telebereich, daher reichten die 24 mm am kurzen Ende auch aus. Insgesamt waren es circa 20 kg Gewicht, die ich dabeihatte.

Ich fotografiere immer mit zwei Kameras mit unterschiedlichen Objektiven. Mit dem Weitwinkelobjektiv kann ich die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zeigen und mit dem Teleobjektiv komme ich näher ran. Alles in allem hat die Ausrüstung nie versagt. Auch nicht bei Extremtemperaturen.

– Was hattet ihr sonst noch dabei?

Das war natürlich von Expedition zu Expedition unterschiedlich. Bei der Expedition mit den Orcas und den Buckelwalen waren wir tauchen. Dann hatte ich noch eine Ausrüstung für Unterwasserfotos. Damit umzugehen, habe ich mir selbst beigebracht.

Da hatte ich einen Neopren-Taucheranzug von 9mm dabei. Das Wasser war ja eiskalt, circa 3 bis 4 Grad. Da wäre ein Trockenanzug die bessere Wahl gewesen. Der ist aber eher unpraktisch und recht schwer zu handhaben. Unangenehm wurde es aber erst als wir aus dem Wasser herauskamen. Wir sind immer wieder ein Stück gefahren und hatten dabei den nassen Anzug an. Kann sein, dass das Herz für einen Augenblick stehen bleibt, wenn es wieder ins Wasser geht, aber sonst war es OK.

Bei der Expedition für die Bachelorarbeit sind wir in sehr viel kälteren Gebieten unterwegs gewesen. Mit Temperaturen um minus 30 Grad. Da hatten wir Expeditionsrucksäcke, dicke Daunenjacken und lange Thermo-Unterwäsche dabei (lacht). Das ist schon sehr abenteuerlich, natürlich. Wir haben auch manchmal im Auto geschlafen. Bis Minus 10 Grad ist das kein Problem.

Das richtige Bild und welche Tiere besonders in Erinnerung bleiben

– Wie viele Bilder hast du insgesamt gemacht?

Ich komme ja aus der analogen Fotografie – und da muss man bewusster fotografieren, denn man hat nur eine begrenzte Anzahl an Fotos. Das ist beim digitalen Medium zwar nicht mehr so. Da hat man große Speicherkarten. Dennoch achte ich viel bewusster darauf, ob ich ein Foto mache oder nicht. So habe ich verhältnismäßig wenige Bilder geschossen. Ich hatte am Ende aller Expeditionen 10.000 verwertbare Bilder. Dann wurde immer stärker reduziert, bis ich auf die 120 Fotos für mein Fotobuch gekommen bin.

– Was ist eigentlich das Besondere an den Moschusochsen, dass du dafür so weit gereist bist?

Zum einen gibt es eine Serie meines Lieblingsfotografen Vincent Munier, in der er Moschusochsen im Schneesturm fotografiert hat. Das hat mich sehr inspiriert. Man sieht daran sehr deutlich, was das für ästhetische Tiere sind. Tolle Motive. Vor allem mit den Bergen und dem Schnee im Hintergrund. Als ich im Sommer dort war, war das lange nicht so spektakulär..

Zum anderen auch aufgrund der langen Leidensgeschichte der Moschusochsen. Sie galten in Norwegen schon mehrmals als ausgestorben bzw. ausgerottet. Einmal wegen der Eiszeit. So hätten sie beinahe das gleiche Schicksal erlitten wie die Mammuts. Dann wurden sie fast von Menschen ausgerottet.

Denn ihr friedvolles Verhalten machte sie zur leichten Beute für Wilderer.  Bei Gefahr laufen sie nicht davon, sondern bilden eine Kreisformation und wenden Angreifern, wie etwa Wölfen, das Gesicht zu. So schützen sie ihre Kälber und die Jungtiere. Gegen die Gewehre von Wilderern half das allerdings nichts. Und so wurde es ihnen beinahe zum Verhängnis.

Man hat die Moschusochsen dann vor einigen Jahren wieder angesiedelt und der Bestand hat sich mittlerweile etwas erholt. Das war ein sehr spannendes Projekt und ich freue mich sehr, dass es diese Tiere noch gibt.

 

 

– Hast du genau gewusst, wo sich die Moschusochsen aufhalten?

Nein, nur so ungefähr. Dafür hatte ich einen Guide dabei. Das sind ortskundige Menschen, die sich in der Gegend gut auskennen, die wissen wann und wo Tiere auftauchen und auch für eine gewisse Sicherheit sorgen. Wenn man es mit wilden Tieren zu hat, sind Guides enorm wichtig, denn man weiß nie genau, wann und wo was auftaucht.

– Welche Tiere hast du sonst noch beobachten können?

Sehr viele. Einmal, wie gesagt, Orcas und Buckelwale. Auf Spitzbergen dann die Eisbären. Bei der Expedition für die Bachelorarbeit habe ich zudem Schalenwild, also Rotwild und Elche gesehen. Auch Vögel gab es viele zu beobachten. Mich interessieren vor allem große Greifvögel wie Adler. Eulen sind auch sehr spannende Tiere. Und … Dickschnabellummen.

Staffan Widstrand und die Dokumentarfotografie

– Du kennst dich sehr gut mit Tieren aus. Hast du das während deines Praktikums gelernt?

Auch. Natur- und Tierfotografie hat mich schon immer gereizt. Das liegt auch etwas in unserer Familie. Nebenbei, mein Vater ist Tierfotograf …

Während meines Praktikums bei Staffan Widstrand war ich viel unterwegs. Also zum einen bei der Expedition nach Spitzbergen und auch durch Skandinavien hindurch. Das war sehr interessant und abwechslungsreich. Dann gab es aber auch die klassischen Büroarbeiten. Also: Berichte schreiben, dokumentieren. Keywords finden für die Fotos. Und sie katalogisieren. Dabei lernt man auch sehr viel über die verschiedenen Tierarten.

Staffan ist als Mitbegründer der „International League of Conservation Photographers“ in unterschiedlichste Projekte involviert. Auf das Projekt Wild Wonders of Europe folgte Wild Wonders of China, wo er quer durch den Kontinent reist und wilde Tiere fotografiert. China ist ja so groß, dass viele in dem Land gar nicht wissen, welche Tiere es alles gibt. Bei diesen Projekten habe ich einiges mitbekommen und kenne nun auch viele Tiere aus China (lacht).

– Was hast du noch bei Widstrand gelernt?

Vor allem … wie man dokumentarisch arbeitet. An der Hochschule ist es ja so, dass man alles, was man macht, immer wieder abändern kann. Hier ist Fotografie immer auch Bildbearbeitung. Hier eine Retusche in Photoshop, da eine Umfärbung etc. Aber beim dokumentarischen Fotografieren darf man nichts ändern. Das war eine neue Erfahrung für mich.

– Wie bist du eigentlich auf Staffan Widstrand und die Dokumentarfotografie gestoßen?

Ich habe während meines Studiums einige Kunstfotografiekurse besucht, aber habe schnell gemerkt, dass ich nicht nur schöne Fotos machen möchte, sondern direkt etwas mit meiner Arbeit erreichen möchte, dass Menschen meine Arbeit sehen und sich etwas dabei denken.

So bin ich dann auf die Conservation Photography gekommen und habe mich etwas damit beschäftigt, und geschaut, welche Fotografen es da so gibt. Da ich mein Praktikum ohnehin im europäischen Ausland machen wollte, bin ich dann auf Staffen gestoßen. Ich hatte seine beeindruckenden Fotos gesehen und dachte mir: „Da bewirbst du dich mal.“ (lacht) – Und das hat dann auch geklappt.

Conservation Photography

– Was genau ist denn Conservation Photography?

Vereinfacht gesagt versucht die Conservation Photography ein Bewusstsein zu schaffen für den Naturschutz und den Erhalt dieser atemberaubenden Flora und Fauna auf unseren Planeten. Viele Menschen kennen diese aussergewöhnlichen Tiere und Orte nicht. Hier kann die Fotografie einen wichtigen Beitrag leisten und einen visuellen Anreiz liefern, damit sich Menschen für den Erhalt dieser Gebiete einsetzen. Es geht vor allem darum, Menschen zum Handeln zu bewegen.

– Du versuchst also, Kunstfotografie mit dokumentarischer Fotografie zu verbinden?

Ja, genau. Dafür ist es natürlich wichtig, ein Auge für Licht, Komposition, Formen und Flächen zu haben. Denn das Bild wird hinterher nicht mehr großartig verändert. Man muss spontan und schnell entscheiden können, wie man das Bild gestaltet. Das Designstudium an der TH Nürnberg kam mir da natürlich extrem zugute, da ich hier das Handwerkszeug gelernt habe. Also: Goldener Schnitt, Farb- und Gestalttheorie. Und alle diese Gestaltungsprinzipien helfen einem sehr.

Bei der Arbeit mit wilden Tieren läuft aber natürlich nicht immer alles nach Plan. Man muss die Situation so nehmen, wie sie ist. Manchmal verpasst man eine Chance, weil alles sehr schnell geht. Aber wenn man die nötige Geduld hat, ergeben sich am Ende weitaus bessere Bilder. Momente und Einblicke, die man so gar nicht erwartet hätte. Das ist eine Erfahrung, die man nur im Feld lernt. Die dokumentarische Fotografie war da eine logische Konsequenz für mich.

– Wenn du, wie du meinst, die Bilder niemals ändern kannst, wie schaffst du es dann  Geschichten zu erzählen?

Jedes Bild spricht für sich und wird nicht verändert. Und manche Bilder funktionieren als Serie besser. Die Serie erzählt dann eine Geschichte. So ist auch das ganze Fotobuch zusammen gesehen eine Serie, die eine große Geschichte erzählt.

– … die Story von Flora und Fauna, die durch den Klimawandel bedroht ist?

Ja, genau. Ich möchte den Menschen zeigen wie wunderschön die Natur und die Tiere in all ihren Facetten sind. Und Menschen dazu bewegen, all das schützen und erhalten zu wollen.

Bilder vom Klimawandel

– Welche Spuren für den Klimawandel hast du gefunden, um deine Geschichten auch Zweiflern und Abwieglern glaubhaft zu machen?

Ich kenne persönlich niemanden, der den Klimawandel noch leugnet. Dennoch hatte ich einige einschneidende Erlebnisse.

Das war einmal das Erlebnis mit den Orcas. Von Ende Oktober bis Anfang Februar ziehen viele Orca- und Buckelwal-Verbände in die nördlichsten Fjorde Norwegens, um Heringe zu jagen. Da Heringe kaltes Wasser bevorzugen, sich die Wassertemperatur aber immer weiter erhöht, müssen sie nun immer weiter nördlich schwimmen. Die Wale müssen dafür immer weiter schwimmen. Das ist schon eine enorme Kraftanstrengung für die Tiere.

Ich hatte das große Vergnügen, mit Orcas zu tauchen. Das sind sehr beeindruckende Tiere. Es sind genau genommen Delfine. Den Namen Killerwal haben sie dem Umstand zu verdanken, dass sie auch kleinere Wale wie Zwerg- oder Grauwale fressen. Es müsste also eher Walkiller heißen. Ich hatte übrigens niemals Angst, mit den Orcas zu schwimmen.

Ich musste eher damit kämpfen, mal die Kamera beiseite zu lassen. Denn es ist enorm wichtig, diese Momente auch ohne Fotokamera zu genießen und dankbar zu sein, dass man die Gelegenheit hat, heranschwimmen zu dürfen. Natürlich bleibt einem beim Kontakt erst mal die Luft weg und das Herz rast, aber man muss dann relativ schnell umschalten und zurück in die Professionalität gehen und seine Arbeit machen.

Den Moment zu genießen ist sehr wichtig, aber mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Welt von diesen faszinierenden Lebewesen erfährt. So tauchte ich auch immer wieder mal auf, um den Lebensraum der Orcas mit einzufangen … Die imposanten Fjorde, die Gletscher und der Schnee im Hintergrund. Es geht also auch darum, genau zu dokumentieren, wo sich die Tiere gerade aufhalten und was das für ihr Leben und ihren Lebensraum bedeutet.

Ein anderes Erlebnis hatte ich bei den Eisbären: Es ist sehr schwer mit anzusehen, dass das Eis schmilzt und das Gewicht der Eisbären nicht mehr tragen kann. So wird der Lebensraum der Bären immer kleiner. Den Bären fehlt einfach das Eis zum Jagen.

Genauso war es bei den Moschusochsen. Durch die höheren Temperaturen können Parasiten und Bakterien überleben, die den Ochsen gefährlich werden. Darüber gibt es auch einige Studien.

 

– Wie nah bist du an die Eisbären herangekommen?

Es müssten circa 20 Meter gewesen sein. Wir waren mit dem Schiff unterwegs und sahen, wie ein Eisbär eine Robbe gejagt hat. Auf dem Rückweg lag der Bär dann satt und müde herum. Wir warfen den Anker ein gutes Stück entfernt und warteten bis die Eisscholle, auf der der Bär lag, zu uns getrieben wurde. Ich bin sofort nach hinten gegangen. Ich nutzte dann das 500 mm Objektiv und kam noch näher ran.

Gefährlich wäre es gewesen, wenn wir vom Schiff gegangen wären. Aber auf dem Schiff waren wir in Sicherheit.

 

– Noch eine Foto-Frage: Hattest du angesichts solch hoher Brennweiten auch ein Stativ dabei?

Nein. Das wäre zu schwer gewesen. Da muss man einfach kreativ sein und sein Objektiv irgendwo anlehnen oder aufstützen. Und sei es auf der Schulter meines Kollegen (lacht). Ich habe auch alles fast nur tagsüber fotografiert. Mit Ausnahme der Polarlichter.

 

Was schöne Bilder bewirken können

– Deine Bilder sind schön. Aber brauchen wir Menschen denn nicht eher brutale Bilder, also solche, die schonungslos zeigen, was den Tieren gerade widerfährt?

Das ist eine sehr interessante Frage. Das ist natürlich sehr wichtig. Man braucht die schönen, aber auch die schlimmen Bilder. Das Problem ist allerdings, dass viele Menschen wegschauen. Sie können die tragischen Bilder nicht mehr sehen. Und so wirken sie nur im Moment oder gar nicht mehr.

Manche Menschen wissen auch gar nicht, dass es diese beeindruckenden Landschaften und Tiere überhaupt gibt. Das möchte ich so gut und so schön wie möglich näherbringen. Das ist das Potenzial der Fotografie. Und es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass man auch mit schönen und kunstvollen Bildern etwas bewirken kann. Das war schon seit den Anfängen der Conservation Photography so.

Und auch in Norwegen sieht man, dass der öffentliche Druck enorm hilft, um etwas für den Klima- und Tierschutz zu machen. Da sind zum Beispiel Petitionen gegen den Walfang. Schon in wenigen Jahren könnte damit endgültig Schluss sein. Man hat aber auch verhindert, dass Bohrinseln vor den Lofoten errichtet werden. Da kommt sehr viel Druck von der Öffentlichkeit und daher ist es enorm wichtig, gerade die zu erreichen.

– Schönheit zieht aber auch Touristen an, die die Natur bedrohen könnten, oder?

In Island ist das tatsächlich so. In Norwegen, Schweden und Finnland hält es sich aktuell noch in Grenzen. Solange sich die Touristen auf normalen Pfaden bewegen, stellen sie keine Gefahr dar. Und sie bringen ja auch viel Geld, das für die Erhaltung der Natur gebraucht wird.

In der Regel gibt es „Instagram Spots“, die besonders häufig und zahlreich von Touristen besucht werden. Etwa auf den Lofoten. Das sind Plätze mit einer postkartentauglichen Kulisse. Abseits dieser Spots tummeln sich dann keine großen Touristengruppen mehr.

– Hast du noch mehr geplant, auch weitere Expeditionen?

Nächstes Jahr möchte ich Grizzlys in Canada fotografieren. Und übernächstes Jahr möchte ich in die Antarktis. Darüber hinaus werde ich versuchen eine Förderung von National Geographic zu bekommen, um Polarwölfe fotografieren zu können. Bevor ich 30 bin, möchte ich mal für National Geographic gearbeitet haben (lacht). Außerdem bin ich auf der Suche nach einem Verlag für mein Buch. Da schaue ich mich um. Aber die Einzelheiten darf ich noch nicht verraten.

Und wenn man es dir nachtun will …

– Welche Tipps hast du, wenn jemand in die Conservation Photography einsteigen möchte?

Sehr viel recherchieren. Viel Geduld haben. Duchhaltevermögen besitzen. Und: stur sein (lacht) Und darüber hinaus … viele Kontakte knüpfen. Ein Biologie-Studium wäre auch von Vorteil (lacht). Es gibt ja auch die Möglichkeit, an Naturreisen teilzunehmen. Das ist sehr zu empfehlen, aber man kann auch ganz klassisch bei sich im heimischen Wald anfangen.

Alles kann nützlich sein, was in Richtung Naturfotografie geht. Man muss sich natürlich auch der Gefahren bewusst sein, wenn man mit wilden Tieren arbeitet, aber auch auf Gelände, das nicht ungefährlich ist. Zum Beispiel wenn eine Lawine ausgelöst wird.

Kurzum, man muss lernen, sich selbst einzuschätzen.

 

Interview/ Text: Giuseppe TroianoAufnahme: Maximilian OschmannFotos: Katharina Meyer  Fotos von Katharina Meyer: Lukas Herbert