Die vier Säfte, eine alte Ordnung der Welt
Die Idee, dass der Mensch aus einem Gleichgewicht besteht, ist älter als fast alles, was wir heute Wissenschaft nennen. In der antiken Medizin, insbesondere bei Hippokrates und später Galen, wurde der Körper als ein System von vier Säften gedacht. Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle (vgl. Hippocrates, 1923; Galen, 1998). Gesundheit bedeutete Harmonie dieser Säfte. Krankheit war ein Ungleichgewicht, also das ein Saft stärker vertreten ist als ein Anderer.
Was mich daran fasziniert, ist weniger die medizinische „Richtigkeit“, sondern die kulturelle Wirkmacht dieses Modells. Die Humoralpathologie war nie nur Medizin, sie war Weltdeutung. Persönlichkeit, Emotion, sogar Moral wurden daraus abgeleitet. (vgl. Nutton, 2004). Der melancholische Mensch (dominiert von schwarzer Galle) war nicht einfach traurig, sondern tiefgründig, nachdenklich, vielleicht sogar näher an einer Wahrheit, die anderen verborgen bleibt.
Diese Verbindung zwischen Körper, Geist und Welt hat sich über Jahrhunderte in Kunst und Literatur eingeschrieben. Figuren wurden nach Temperamenten (Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker und Phlegmatiker) geformt, Bilder nach inneren Zuständen komponiert (vgl. Bynum & Hardy, 1994). Auch wenn die moderne Medizin längst andere Wege geht, bleibt diese Denkweise als kulturelles Echo bestehen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Modell bis heute beschäftigt. Es beschreibt weniger den Körper als vielmehr eine Haltung zur Existenz.