Seit der Antike beschäftigt das Gedächtnis Philosophen, Künstler und Wissenschaftler. Kein Wunder: Unser Gedächtnis ist der geistige Kitt, der aus Erfahrungen Lebensgeschichten macht.
Langzeitgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis
Erinnern und Vergessen
Bibliothek, Computer oder Theater?
Langzeitgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis
Unser Gedächtnis besteht aus drei Hauptsystemen.
Das sensorische Gedächtnis speichert eintreffende Reize für Bruchteile von Sekunden. Was wichtig ist, gelangt ins Kurzzeitgedächtnis. Hier bleibt die Information einige Sekunden lang erhalten. Zeit genug, um etwa einen Satz zu begreifen, ohne seinen Anfang schon wieder zu vergessen.Ins Langzeitgedächtnis gelangt, was wir für längere Zeit oder dauerhaft behalten. Das Langzeitgedächtnis kann noch weiter unterteilt werden: Gespeicherte Informationen stehen uns entweder bewusst oder unbewusst zur Verfügung.
Bewusst sind uns die Inhalte des episodischen Gedächtnisses. Es speichert unsere eigene Lebensgeschichte: Erinnerungen an den ersten Kuss, die Flitterwochen, an das heutige Frühstück.
Das semantische Gedächtnis dagegen ist für unser Faktenwissen zuständig. Es nimmt den Namen der japanischen Hauptstadt ebenso auf wie die chemische Formel für Wasserstoff.
Unser Gehirn erinnert sich an viel mehr, als uns bewusst ist. Etwa an Bewegungsabläufe: Beim Gehen oder Radfahren erinnern wir uns unbewusst daran, welche Muskeln wann aktiviert werden müssen. Diesen Gedächtnistyp nennt man das prozedurale Gedächtnis.
Erinnern und Vergessen
Lange Zeit glaubten die Wissenschaftler, unser Gedächtnis würde so unbestechlich funktionieren wie ein Computer und alles aufzeichnen, was wir erleben. Heute steht fest, dass Erinnern wohl eher einem Puzzlespiel gleicht. Die Lücken füllen wir aus, indem wir raten.
Erinnern wir uns etwa an einen Porsche, den wir am Vormittag an der Ampel gesehen haben, mag uns das Bild zwar klar vor Augen stehen. Würden wir seine Einzelheiten aber noch einmal mit dem Original vergleichen, fänden sich bestimmt bedeutende Unterschiede.
Beim Prozess des Merkens spielen Gefühle eine große Rolle. Wir speichern vor allem das, was uns an einem Erlebnis interessiert. Je stärker unsere emotionale Beteiligung, desto dauerhafter die Speicherung.
Was aber passiert, wenn wir etwas vergessen? Darüber gibt es zwei Theorien. Die eine geht davon aus, dass die in unserem Gehirn gespeicherte Erinnerung einfach mit der Zeit verblasst und schließlich ganz verschwindet. Dann müssten wir jedoch umso mehr vergessen, je mehr Zeit seit dem zu erinnernden Ereignis vergangen ist. Dies konnte bislang noch nicht bewiesen werden.
Die zweite Theorie ist plausibler: Sie besagt, dass wir bestimmte Dinge vergessen, weil sie von neuen, interessanteren Eindrücken überlagert oder gestört werden. Wir finden somit nur noch schwer Zugang zu alten Informationen.
Bibliothek, Computer oder Theater?
Jedes Wort, jeden Gedanken, jedes Gefühl für uns selbst und andere verdanken wir unserem Gedächtnis. Ohne seine bindende Kraft zerfiele unser Bewusstsein in Einzelteile, gelebte Augenblicke. Seit frühesten Zeiten rätseln Philosophen und Wissenschaftler über die Natur des Gedächtnisses.
"Was ist denn das, womit wir uns erinnern, welche Kraft hat es und woher hat es sein Wesen?", rief schon Cicero im alten Rom aus. Die Vorstellungen orientierten sich meist am Stand der zeitgenössischen Speichertechnik. Platon verglich um 400 vor Christus das Gedächtnis mit einer Wachstafel, in die sich unsere Erfahrungen eingraben.
Nach der Erfindung des Buchdrucks lag die Parallele zu einem Buch oder einer Bibliothek nahe. Später sollten dann Fotoapparat, Tonband oder Computer veranschaulichen, wie das Gehirn unsere Erinnerungen aufzeichnet. Kreativer und näher am heutigen Stand der Forschung ist ein Vorschlag aus der Renaissance: das Gedächtnis als Theater.